Zwischen Ebbe, Wind und Sonnenuntergang: Hellas Ruderer trainieren an Portugals Atlantikküste

Vila Nova de Milfontes. Es ist noch früh, als die ersten Boote am Strand ins Wasser getragen werden. Der Atlantik rauscht hörbar im Hintergrund, Möwen kreisen über der Flussmündung, und irgendwo zwischen Neugier, Müdigkeit und Vorfreude beginnt ein Tag, wie ihn viele der rund 100 hessischen Sportler:innen so noch nicht erlebt habenWährend es zuhause teilweise bis zu minus 9 Grad kalt ist, herrschen hier bei sonnigen 15 Grad beste Trainingsbedingungen. Vom 02. bis 11. Januar wurde Vila Nova de Milfontes an der Algarve zum Trainingszentrum – und für sieben Ruderinnen aus Gießen zu einem Ort, an dem aus Kilometern Erinnerungen werden.

Für Tim Titus Günther war es bereits die zweite Reise nach Portugal. Er wusste, was ihn erwartet: das besondere Licht am Morgen, die salzige Luft, das ständige Spiel von Ebbe und Flut, dass jede Einheit ein bisschen anders macht. Für die beiden Junioren Jan Konrad Nau und David Schubert dagegen war alles neu. Und genau das konnte man in ihren Blicken lesen, als sie zum ersten Mal dort standen, wo das Training beginnt, direkt am Strand.

Denn in Milfontes ist der Weg aufs Wasser kein Steg, keine Rampe, keine Routine wie zuhause an der Lahn. Hier bedeutet „Einsteigen“: mit dem Boot ins Wasser gehen, den richtigen Moment abpassen, schnell mit beiden Füßen einsteigen – und los. Weg von der Brandung am Strand und in das etwas ruhigere Meerwasser. Vor ihnen liegt ein Fluss, der sich ruhig durch den Ort zieht und dann plötzlich seine Richtung wechselt, weil er ins Meer mündet. Mal gleitet das Boot beinahe lautlos, mal drückt die Strömung spürbar entgegen. Wer hier ins Boot steigt, lernt nicht nur Rudern sondern auch Respekt vor der Natur.

Schon nach den ersten Tagen hatte das Trainingslager seinen eigenen Rhythmus. Morgens Wassertraining, dann Lauf- oder Athletikeinheiten, danach wieder eine Wassereinheit. Dazwischen Regeneration, Technikbesprechung und natürlich die kleinen Momente, die keiner in den Trainingsplan schreibt. Wenn die Sonne dann langsam Richtung Atlantik sank, begann der Teil des Tages, den niemand zählen musste. Beachvolleyball am Abend, direkt im warmen Licht des Sonnenuntergangs nicht als Pflichtprogramm, sondern weil es sich einfach richtig anfühlte. Barfuß im Sand, mit Musik aus einem Handylautsprecher, mal ehrgeizig, mal komplett chaotisch, aber immer mit einem Lächeln. Wer zusah, merkte schnell: Das war nicht „Training Nummer vier“, das war Teambuilding.

Wenn an windigen Tagen die Wellen am Strand hochstanden und das Wasser zu unruhig wurde, wich das Team kurzerhand auf eine andere Art von Training aus. Dann hieß es: Wanderschuhe an und ab an die Küste. Steile Wege, endlose Klippen, Sand unter den Sohlen. Portugal zeigte sich rau, ehrlich und wunderschön. Und auch das gehörte dazu: gemeinsam unterwegs sein, sich gegenseitig motivieren, ohne dass jemand eine Stoppuhr in der Hand hält.

Insgesamt kamen beeindruckende Zahlen zusammen: rund 200 Ruderkilometer, dazu etwa 60 Laufkilometer, trotzdem fühlte sich vieles leichter an als daheim. Vielleicht, weil der Blick nach jeder Belastung automatisch Richtung Horizont ging.

Mit dabei waren Sportler:innen aus ganz Hessen. Unter anderem aus Frankfurt, Marburg und Kassel. Und obwohl jede Trainingsgruppe für sich anreiste, dauerte es nicht lange, bis aus „gemeinsam am gleichen Ort“ ein echtes Miteinander wurde. Besonders schnell wuchs der Kontakt zur Marburger Trainingsgruppe: Man begegnete sich auf dem Wasser, motivierte sich gegenseitig und fand spätestens beim Abendessen zusammen.

Denn auch abseits des Trainings stimmte alles. Nach dem Flug nach Lissabon wartete ein Alltag, der für Sportler:innen wie gemacht war: Buffet bei jeder Mahlzeit, mit Favoriten wie frischer Pizza, Sushi und Fisch.

Manchmal, an den ruhigeren Tagen gab es Spieleabende, an denen plötzlich nicht mehr die schnellste Zeit zählte, sondern der beste Bluff, der lauteste Lacher oder der Moment, in dem man einfach nur Geschichten austauschte. Gerade für Jan und David war das Trainingslager damit mehr als nur sportliche Entwicklung. Es war ein Einstieg in eine neue Welt. Eine, in der Leistung wichtig ist, aber Gemeinschaft den Unterschied macht.

Als am 11. Januar die Boote zum letzten Mal aus dem Wasser getragen wurden, war vieles gleich geblieben und doch anders. Die Rudertechnik ausgefeilter, der Körper ausdauernder, die Köpfe voller Eindrücke. Portugal hatte den Gießenern nicht nur Kilometer geschenkt, sondern einen Anfang ins Jahr, der sich anfühlt wie ein Versprechen: auf eine Saison, in der man gemeinsam mehr schafft, als man allein planen kann.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieses Trainingslagers: Dass irgendwo zwischen Flussmündung und Atlantik, zwischen Ebbe, Wind und Sonnenuntergang, aus einer Trainingsgruppe ein echtes Team geworden ist. Ein Team mit neuen Freundschaften, neuen Erfahrungen und dem Gefühl, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.

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